Diese Rede haben LesMigraS auf der behindert und verrückt feiern Pride Parade 2015 gehalten:

Im Aufruf zur behindert und verrückt feiern Pride Parade heißt es: „Nur wenn wir uns unsere Rechte nehmen, können wir über unsere Leben verfügen. Deshalb: Trau dich zu fordern, was du brauchst! Zeig dich mit deinen Sehnsüchten, deiner Trauer, deinem Begehren, deiner Freude, deiner Verzweiflung, deiner Lust, deinen Ängsten!“

Die Forderungen von Geflüchteten werden selten gehört. Es gibt kaum Orte, wo Platz für ihre Trauer, ihre Freude, ihre Verzweiflung und ihre Bedürfnisse ist.

In unserer Arbeit erzählen uns geflüchtete Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* (kurz: LSBT) von der starken Belastung, mit der sie kämpfen. Sie berichten von ihren Gewalterfahrungen im Herkunftsland und auf der Flucht, von den Benachteiligungen, Diskriminierungen und gewaltvollen Erfahrungen hier in Deutschland, von undurchschaubaren Systemen, feindlichen Umgebungen und fehlender Unterstützung. Die fehlende Unterstützung zeigt sich zum Beispiel in darin, dass Mitarbeiter_innen in den Unterkünften, wo viele Geflüchtete wohnen müssen, und in den Behörden nicht sensibel sind. Geflüchtete müssen lange, über 6 Monate, auf psychologische Unterstützung warten. Es ist sehr aufwändig Therapie zu beantragen. Es gibt wenige psychologische Angebote in der eigenen Sprache. Dolmetschung ist teuer und häufig, besonders im Bereich von LSBT, von Vorurteilen geprägt.

Im Rahmen der Demonstration fordern wir: Barrieren müssen abgebaut werden. Wir kritisieren behindernde Strukturen. Barrieren sehen für verschiedene Menschen unterschiedlich aus. Geflüchtete LSBT erleben oft viele Barrieren, die verhindern oder erschweren selbstbestimmt zu leben. Geflüchtete LSBT werden mehrfach diskriminiert, sie erleben Homophobie und/oder Trans*diskriminierung und/oder Sexismus, sie erleben Rassismus. Manche von ihnen werden aufgrund ihrer psychischen Belastung benachteiligt. Wir fordern also, Barrieren für geflüchtete LSBT zu beseitigen.

Manche Geflüchtete gelten als besonders schutzbedürftig. Zu dieser Gruppe werden alleinerziehende Mütter, Behinderte, chronisch Kranke und stark Traumatisierte gezählt. Wer zu dieser Gruppe zählt, erhält mehr Unterstützung: bessere Unterkünfte, mehr Chancen auf ein Einzelzimmer oder eine eigene Wohnung, bessere medizinische und psychologische Versorgung. Bislang werden LSBT Geflüchtete nicht als besonders schutzbedürftig anerkannt. Eigentlich wollen wir, dass jede geflüchtete Person die Unterstützung erhält, die sie braucht. Wir wollen, dass alle unter menschenwürdigen Bedingungen leben können. Oder wie eine Gelüchtete selbst sagte: „Ich will einfach ein normales Leben führen.“ Da Geflüchtete diese Unterstützung aber nicht erhalten, fordern wir gerade die Anerkennung von LSBT als besonders schutzbedürftig. Damit lassen wir uns auf eine Struktur ein, in der Menschen nicht selbst bestimmen dürfen, was sie brauchen; aber mehr erhalten, wenn sie als bedürftig gelten.

Wir sprechen davon, dass Geflüchtete traumatisiert sind. Von einem Trauma spricht man, wenn Menschen schlimme Erfahrungen machen. Oft ist das Problem, dass die Erfahrungen von den Menschen dann individualisiert werden. Wenn von Trauma gesprochen wird, lautet die Antwort Therapie. Und ja, wir fordern, dass Geflüchteten Räume ermöglicht werden müssen, wo sie ihre Erfahrungen verarbeiten können. Therapie oder psychosoziale Beratung. Wir fordern aber auch, dass die Lebensumstände verbessert werden müssen. Wir fordern, dass Zustände abgeschafft werden müssen, in denen keine Heilung, kein Wohlbefinden, keine Stabilität, keine Sicherheit möglich ist. Zu diesen Zuständen zählen z.B. Sammelunterkünfte. Aber auch, wenn Personen immer wieder nach gewaltvollen und/oder intimen Erfahrungen gefragt werden, wenn sie Asyl beantragen. Es ist eine Struktur von Macht und Kontrolle, die Selbstbestimmung und das Aufbauen einer Zukunft verhindert.

Welche Veränderungen finden wir notwendig? Wir fordern, dass Geflüchtete LSBTIQ die nötige Unterstützung erhalten, um selbstbestimmt leben zu können. Wir fordern, dass Geflüchtete selbst bestimmen können, was diese Unterstützung sein soll. Wir fordern, dass Geflüchtete psychologische Unterstützung schnell und kostenlos erhalten, wenn sie das wollen. Das darf nicht davon abhängen, welchen Aufenthaltsstatus sie haben oder ob sie eine Krankenversicherung haben. Diese Unterstützung muss antirassistisch und queer-freundlich sein. Wir fordern, dass ein Umgang mit Gewalt und Diskriminierung ermöglicht, der selbst nicht gewaltvoll und/oder diskriminierend ist.